Andacht

"Einmal kam ein Aussätziger zu Jesus, warf sich vor ihm auf die Knie und flehte ihn an: »Wenn du willst, kannst du mich rein machen!« Von tiefem Mitleid ergriffen, streckte Jesus die Hand aus und berührte ihn. »Ich will es«, sagte er, »sei rein!« Im selben Augenblick verschwand der Aussatz, und der Mann war geheilt."

Markus 1,40-42

Die alte Frau, von der ich heute erzählen will, lebt in einer großen Stadt. Wenn sie auf den kleinen Balkon ihrer Einzimmerwohnung im 8. Stock tritt, blickt sie auf die vielen grauen Hochhäuser, die um sie herum in den Himmel ragen. Heute Morgen macht der graue Nieselregen vor dem Fenster den Ausblick besonders deprimierend. Nur schwer kann sie sich dazu durchringen, den Tag zu beginnen. Wozu auch. Er wird ja doch wie jeder andere. Aufstehen, Essen, Fernsehen, Schlafen. Manchmal ein Gang zum Supermarkt. Aber den macht sie nicht gern. Die Kassiererinnen sehen sie an, als wäre sie ein Stück Dreck, das an ihrem Schuh klebt. Sie weiß es ja selbst, dass sie Recht haben. Sie sieht sich mit dem gleichen Blick im Spiegel an. Ein verlebtes, verkommenes Gerippe blickt ihr da entgegen. Die Kinder im Haus tun gern so als wäre sie eine alte Hexe und laufen kreischend weg, wenn sie sie sehen. Sie weiß, sie müsste besser auf sich achten, die Wohnung mehr in Ordnung halten, aber sie kann die Energie einfach nicht aufbringen. Und Waschmaschine ist schon lange kaputt und es ist kein Geld da, sie zu reparieren. Höhepunkt der Woche sind die wenigen Minuten am Dienstag und Donnerstag, wenn der Pflegedienst kommt, um ihr die Medikamente zu bringen. Die junge Frau hat oft ein freundliches Wort für sie: „Alles Gute, Frau Schneider. Einen schönen Tag noch, Frau Schneider.“ Für mehr ist keine Zeit. Aber es tut doch gut, mal jemand ihren Namen sagen zu hören. Wie viele Jahre ist es wohl her, dass sie ihren Vornamen zuletzt gehört hat? Elisabeth. Ein schöner Name. Lieschen, hat ihr Hans sie immer liebevoll genannt. So viele Jahre ist sie nun schon ohne ihn! Der Schmerz bei dieser Erinnerung ist so stark, dass sie ihn nur mit dem ersten Glas des Tages aushalten kann. Zu früh eigentlich, aber wenn kümmerts.

Noch weiß sie nicht, dass dieser Tag eine entscheidende Begegnung für sie bereithält, die ihr Leben umkrempeln wird. Denn als sie später auf den Flur tritt, springt ihr schwanzwedelnd ein junger Hund entgegen. Instinktiv bückt sie sich, um das Tier zu streicheln. Sie mag Hunde, die sehen sie nicht mit Ekel an, wie die Menschen. Hinter dem Hund kommt ein Junge angerannt. Er hält an, als er sie sieht. Jetzt wird er entsetzt fortlaufen, denkt sie. Es sieht auch zuerst so aus, doch dann kommt er langsam näher. „Das ist unser Hund“, sagt er. „Ich wollte ihn dir nicht wegnehmen.“ antwortet sie. Huch, das war wohl ein wenig schroff. Aber sie hat nicht viel Übung in solchen Begegnungen. „Es ist ein netter Hund, wie heißt er denn?“ versucht sie es nochmal. Sie kommen ins Gespräch. Sie erfährt, dass der Hund Tiger heißt und der Junge Lars. Dass er noch zwei Schwestern hat und dass sie mit seiner Mutter erst kürzlich hergezogen sind, weil der Vater sich getrennt hat. „Wie heißt du eigentlich?“ fragt Lars, als er gehen will. „Elisabeth.“ Sagt sie ohne nachzudenken. „Tschüss Elisabeth.“ Sagt Lars. Wie gut das tut, den eigenen Namen wieder zu hören!

Von diesem Tag an laufen sie sich öfter über den Weg. Und immer grüßt Lars sie mit einem freundlichen „Hallo, Elisabeth!“ Und meist reden sie auch ein bisschen miteinander. Eines Nachmittags, als sie sich über den Weg laufen, nimmt Lars sie bei der Hand. Was für ein merkwürdiges Gefühl, die Wärme eines anderen Menschen auf der Haut zu spüren. Er zerrt sie zu seiner Wohnung. Tiger hat geworfen und er möchte ihr die kleinen Welpen zeigen. Er ist so aufgeregt. Sie möchte ihn nicht enttäuschen, aber sie schämt sich. Seine Mutter wird ihm den Umgang mit ihr verbieten. Doch eh sie sich‘s versieht steht sie der jungen Mutter gegenüber. Auch die sieht müde aus, als hätte sie schon einiges mitgemacht. Doch der erwartete angeekelte Blick bleibt aus. Ja, fast liebevoll und etwas traurig ist ihr Blick. Sie gibt ihr freundlich die Hand und bittet sie herein. Sie drängt sie zum Abendessen zu bleiben. Und plötzlich sitzt sie umgeben von lautem Gerede und Gelächter inmitten dreier Kinder, die sie neugierig ausfragen.

 

Einige Wochen später ist wieder ein düsterer, nieseliger Morgen. Aber wie anders sieht es bei der alten Frau aus! Sie kann selbst kaum glauben, wie es hier noch vor nicht allzu langer Zeit aussah und wie sie selbst ausgesehen hat. Es war harte Arbeit, die Veränderung, aber sie hat sich gelohnt. Nun muss sie rechtzeitig drüben sein, um die Kleinen zum Kindergarten zu bringen und Lars in die Schule zu schicken. Später wird sie ohne die abfälligen Blicke der Kassiererinnen einkaufen und für alle kochen. So kann ihre Mutter arbeiten gehen und für sie sorgen. Oma Elli nennen die Kinder sie jetzt liebevoll und Elli sagt auch ihre Mutter. Das Lieschen kann sie nicht zurückbringen, aber dafür ist ihr eine neue Familie geschenkt. Und das ist Glück genug.